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WARTE Bürger-Workshops: Ergebnis Runde 1 

Lange dienten Warten als Vorposten, dann umschloss die wachsende Stadt die Türme. Die Warte im Gallus könnte städtebaulich wieder besser zur Geltung kommen. Wie, darüber wird im Stadtteil diskutiert.

Unumstößlich: Die Galluswarte behauptet sich an ihrem Platz.
08. September 2010 

Scheinbar auf verlorenem Posten steht die Galluswarte, auf einer Verkehrsinsel. Der Verkehr der Mainzer Landstraße umtost den historischen Bau. Eine Bahnbrücke rückt ihr aufdringlich nahe. Am Fuße der Warte herrscht hektische Betriebsamkeit: Menschen verlassen die S-Bahn-Station, überqueren die Mainzer Landstraße, strömen zu ihren Büros, hasten zur Straßenbahnhaltestelle oder steuern eine der beiden Trinkhallen und öffentlichen Toiletten in den Anbauten am Fuße der Warte an.

Wie viele Passanten die Galluswarte wohl bewusst wahrnehmen? Immerhin ist sie, 1414 errichtet, die älteste von einst fünf Warten, die Frankfurt vorgelagert waren. Böse Zungen behaupten, dass womöglich nur jene Zeitgenossen, die vor den Trinkhallen ihren Kopf stark in den Nacken legen, um ihre Flasche zu leeren, das Baudenkmal wirklich im Blick haben. Dies zu ändern schickt sich nun eine von der Stadt initiierte Planungswerkstatt an. Sie soll in einen Architektenwettbewerb münden und Vorschläge liefern, wie die Galluswarte stärker herausgestellt und im Ensemble mit der S-Bahn-Station und Bahnbrücke zum Entrée in den Stadtteil und in die Stadt gestaltet werden kann.

Belüftung der Kanalisation

„Wir wollen eine städtebaulich und architektonisch prägende Lösung erhalten, die dem historischen Wert des Gebäudes gerecht wird“, sagte Planungsdezernent Edwin Schwarz (CDU) am Montag zum Auftakt des ersten Werkstattgesprächs. Auch wenn die Auffassungen darüber durchaus noch divergieren, wie sich in der Gesprächsrunde zeigte, ist bereits ein Schritt getan: Nachdem der Turm und die Mauer, die ihn und einen Seitenhof umgibt, im Jahr 2005 von außen erneuert und beigefarben verputzt worden sind, wurde nun auch die Innensanierung beendet.

Die wichtigste Veränderung ist, dass die Warte, die seit dem Ende des 19. Jahrhunderts zur Belüftung der Kanalisation diente, von dem dicken Abluftrohr befreit werden konnte, das mit einem Durchmesser von eineinhalb Metern bis in die Turmspitze reichte. Zwischen Außenmauer und Rohr, um das eine Spindeltreppe führte, sei stellenweise nur 50 Zentimeter Platz gewesen, sagte Helmut Jäger von dem mit der Innensanierung beauftragten Büro „Die Baurunde“. In das freigeräumte Turminnere seien eine Stahlkonstruktion eingezogen und in Höhe dreier ehemaliger Zwischengeschosse jeweils Stahlpodeste installiert worden. Über Leitern biete sich ein Aufgang bis in die Turmspitze. Die mit Sandstein gefassten Ausgucke seien teilweise mit Fenstern versehen, an andere von innen Klappläden angeschlagen worden. Die Scharten seien mit Gitter gesichert worden.

Wenig Raum und viel Lärm

Rund 140.000 Euro kosteten die eineinhalb Jahre dauernden Arbeiten. Finanziert wurde der Umbau auch mit Mitteln des von Bund, Land und Stadt getragenen Förderprogramms „Soziale Stadt“, in das das Gallus aufgenommen worden ist und in dessen Rahmen auch die Vitalisierung des „Wahrzeichens“ des Stadtteils angestrebt wird. Eine Nutzung werde aber wohl nur eingeschränkt möglich sein, meinte Architekt Jäger mit Hinweis auf das enge Raumangebot des zwanzig Meter hohen Turms, der im Inneren einen maximalen Durchmesser von 2,50 Metern habe. Im Wartturm, der nicht ständig, sondern nur für besondere Anlässe zu nutzen sei könnten Ausstellungen mit Bildern, etwa zur Geschichte des Stadtteils, präsentiert werden, sagt Jäger.

Eine andere Nutzung erscheint zunächst eher abwegig, nicht nur wegen des reduzierten Raumangebots, sondern auch wegen des Verkehrslärms. Anwohner des Stadtteils plädierten während des Werkstattgesprächs trotzdem nicht nur für ein museales, sondern auch für ein lebendiges Angebot in der Warte. Die Frage, wie dies an dem neuralgischen Verkehrspunkt geschaffen und zugleich die Warte samt Umfeld aufgewertet werden könne, erinnere an die „Quadratur des Kreises“, meinte Dierk Hausmann vom Stadtplanungsamt.

„Wächter der Stadtgeschichte“

Bürger wiesen aber auf das Beispiel Bockenheimer Warte hin, die im vergangenen Jahrhundert auch zunächst ein Verkehrsknotenpunkt war, dann aber in einen neuen Quartiersplatz integriert wurde und seither dessen architektonisches Zentrum bildet und mit dem im Anbau der Warte eingerichteten Café auch lebendiger Mittelpunkt des Platzes ist. Die Warte aus ihrer Isolation heraus und zurück in das urbane Leben geholt würde auch gerne Dieter Bartetzko sehen. Der Architekturkritiker dieser Zeitung, der sich in seinen Beiträgen oft beunruhigt über den Umgang mit dem architektonischen Erbe Frankfurts und dem Schicksal seiner Baudenkmäler zeigt, hatte in der Planungswerkstatt vorgetragen, dass die Warten nicht nur mit trockenen Geschichtsdaten zu verbinden seien, sondern die Entwicklung der Stadt und ihrer Bewohner widerspiegelten.

Gerade die Warten repräsentierten die Geschichte der Stadt. Bartetzko sprach von „Wächtern der Stadtgeschichte“. Anhand der Bauten könnten sowohl die frühere militärische Funktion dokumentiert, als die folgende zivile Nutzung als Wirtschaftshof und die spätere Weiterentwicklung – im Fall von Friedberger Warte und Sachsenhäuser Warte etwa zum Ausflugslokal – aufgezeigt werden.

Trinkhalle - schützendwertes Kulturgut

Bartetzko bedauerte es, dass die Rundbauten in Folge des steigenden Verkehrsaufkommens in den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts zu Verkehrsinseln degradiert worden seien. Aus dieser Isolation müssten sie befreit werden. Gleichwohl unterlägen die Gebäude und ihre Standorte auch heute noch Verkehrszwängen, wie auch Hausmann meinte. Der Stadtplaner bekräftigte deshalb die „Notwendigkeit“, die im vergangenen Jahrhundert errichteten und für Trinkhallen genutzten Anbauten der Galluswarte abzureißen, um so Platz für eine andere Nutzung zu gewinnen. „Die Anbauten werden zur Disposition gestellt; so wie es jetzt ist, kann es nicht bleiben.“ Bartetzko warnte indes vor einem „falschen Verständnis von Denkmälern“. Schließlich seien auch diese Gebäudeteile „Kronzeugen“ der Ära des Wiederaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg. Nur aus Schrecken vor dem sozialen Milieu die Trinkhallen abzureißen wäre ein Fehler, sagte Bartetzko. Der Turm dürfe nicht die Einbindung in das zivile Leben verlieren.

Dass die Trinkhallen ebenso schützenswertes Kulturgut seien, meinten auch Anwohner. Andere Bewohner des Stadtteils wiederum wandten ein, dass die Kioske nicht repräsentativ für das Gallus und seine Bewohner seien. Der Stadtteil verfüge über keinen historischen Ortskern, gerade deswegen gelte es, die Warte als Zeugnis der Entwicklung der Stadt und des Stadtteils herauszustellen, meinte ein Bürger. In welcher Form dies geschehen könnte, werde eine der Aufgaben des Gestaltungswettbewerbs sein, meinte Hausmann. Die Rahmenbedingungen für den Wettbewerb würden im nächsten Werkstattgespräch abgesteckt. Der nächste Dialog „Stadtteileingang Galluswarte“ findet am 27. September um 18 Uhr im Haus Gallus statt.

Quelle: FAZ